Von Verhalten, Kognition und Bewusstsein: Neues manatimagazin© des Tiergartens erschienen
Ein Oktopus, der mühelos ein Schraubglas öffnet, Ameisen, die architektonische Meisterwerke vollbringen, oder Paviane, die flexibel auf kurzfristige Vorteile reagieren – ganz gleich, wohin der Blick im Tierreich geht: Überall sind beeindruckende Fähigkeiten und überraschend komplexe Verhaltensweisen zu finden. Welche kognitiven Leistungen Tiere vollbringen können und wie sich diese auf ihr Verhalten auswirken, ist Thema der neuen Ausgabe des manatimagazin© des Tiergartens der Stadt Nürnberg und des Vereins der Tiergartenfreunde Nürnberg e. V.
Als Einstieg in die neue Ausgabe zeichnet Dr. Lorenzo von Fersen, Biologe mit dem Schwerpunkt Verhaltensbiologie und Kurator für Forschung und Artenschutz im Tiergarten, nach, wie sich die Verhaltensforschung über Jahrhunderte entwickelt hat – von den frühen Beobachtungen durch Aristoteles über Darwins Evolutionstheorie bis hin zur aktuellen Forschung, die nicht nur das Individuum, sondern ganze Gruppen und ihre kollektiven kognitiven Leistungen in den Blick nimmt.
Prof. Dr. Onur Güntürkün, Leiter der Abteilung für Biopsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise ins menschliche Gehirn, das heute außergewöhnlich gut erforscht ist. Lange galt der Mensch deshalb als einzigartig in seinem Denken und Handeln. Doch schnell wird deutlich: Anspruchsvolle kognitive Leistungen sind keineswegs exklusiv den Menschen vorbehalten. Was ihn dennoch einzigartig macht, erklärt Prof. Dr. Daniel Haun, Leiter der Abteilung für vergleichende Kulturpsychologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, im Interview.
Mit der Bewusstseinsforschung taucht das manatimagazin© in ein weiteres vielschichtiges Forschungsfeld ein. Seit vielen Jahrzehnten versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Bewusstsein objektiv zu messen. Selbst bei Menschen gestaltet sich das äußerst schwierig – dabei könnten Erkenntnisse über das menschliche Bewusstsein auch bei der Erforschung tierischen Bewusstseins helfen, erklärt Dr. Alex Lepauvre von der Professur für kognitive computationale Neurowissenschaften an der Technischen Universität Dresden. Und schließlich widmet sich das Magazin der Frage, warum diese Erkenntnisse unser Verhältnis zu Haus-, Nutz- und Wildtieren grundlegend herausfordert, was dies für unseren Umgang mit Tieren bedeutet und welche Verantwortung daraus erwächst. Ergänzt wird der theoretische Rahmen durch konkrete Beispiele aus dem Tierreich. Die Blattschneiderameisen beispielweise gehören mit ihren gigantischen unterirdischen Bauten zu den bedeutendsten Ökosystemingenieuren der Welt. Prof. Dr. Flavio Roces vom Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie und Soziobiologie an der Universität Würzburg macht an ihrem Beispiel deutlich, dass Erfolg nicht immer auf individueller Stärke beruhen muss. Basierend auf komplexer Zusammenarbeit, Kommunikation und kollektiver Organisation kann aus dem Zusammenspiel vieler Individuen ein funktionierender Superorganismus entstehen, der weit mehr leisten kann als die Summe seiner Teile.
In zwei Beiträgen des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) werden die Fähigkeiten und das Sozialverhalten von Guinea-Pavianen (Papio papio) näher beleuchtet. Prof. Dr. Julia Fischer, Biologin, Primaten- und Verhaltensforscherin, forscht am DPZ in Göttingen zu Kognitiver Ethologie und leitet im Nationalpark Niokolo-Koba im Senegal das weltweit einzige Langzeitprojekt zu dieser Pavianart. Dort untersucht sie mit ihrem Team unter anderem, wie die Tiere soziale Informationen verarbeiten und ihre Verhaltensstrategien entsprechend anpassen. Parallel dazu arbeitet Biologin Judit Stolla, die derzeit am DPZ promoviert, im Tiergarten Nürnberg mit den Guinea-Pavianen. Die Forschung im Zoo ergänzt die Feldforschung: Unter kontrollierten Bedingungen können die Forschenden hier einzelne Einflussfaktoren gezielt verändern und so mehr über Wahrnehmung, Gedächtnis, Lernen, Entscheidungsfindung und Problemlösungsverhalten der Paviane herausfinden.
Mit den aktuellen Forschungen zum sozialen Lernen bei Harpyien (Harpia harpyia) gibt das Magazin einen Einblick in ein weiteres aktuelles Forschungsprojekt aus dem Tiergarten. An den Nürnberger Harpyien wird deutlich, wie Beobachtung, Vertrauen und minimale Impulse tief verankerte Verhaltensprogramme aktivieren können. Die vielfältigen Fähigkeiten ausgewählter Tierarten und -gruppen werden im manatimagazin© schließlich auf einer „Landkarte der Kognition“ dargestellt. Sie zeigt auf einen Blick, wie vielfältig kognitive Leistungen im Tierreich sind. Neben dem Schwerpunktthema erfahren Leserinnen und Leser wie in jeder Ausgabe Neuigkeiten aus dem Tiergarten, zu seinem Tierbestand und seinen Forschungsprojekten.
Die Printausgabe des manatimagazin© „Verhalten und Kognition“ gibt es kostenlos im Tiergarten oder als Webversion zum Herunterladen https://tiergarten.nuernberg.de/entdecken/manatimagazin.
Hier finden Sie den kompletten Artikel:
Fakten
- Der neue Ausgabe des manatimagazin© des Tiergartens erschien
- Die Stadt Nürnberg ist der Standort des Tiergartens, wo das Magazin erscheint
- Die Verhaltensforschung hat sich über Jahrhunderte entwickelt
- Der Mensch gilt lange als einzigartig in seinem Denken und Handeln
- Anspruchsvolle kognitive Leistungen sind nicht exklusiv den Menschen vorbehalten
- Die Bewusstseinsforschung ist ein vielschichtiges Forschungsfeld
- Das menschliche Bewusstsein kann objektiv gemessen werden, aber das Tierbewusstsein ist schwieriger zu erforschen
- Die Erkenntnisse über das menschliche Bewusstsein können auch bei der Erforschung tierischen Bewusstseins helfen
- Das Magazin widmet sich der Frage, warum diese Erkenntnisse unser Verhältnis zu Haus-, Nutz- und Wildtieren grundlegend herausfordern
- Die Blattschneiderameisen gehören mit ihren gigantischen unterirdischen Bauten zu den bedeutendsten Ökosystemingenieuren der Welt
- Der Erfolg nicht immer auf individueller Stärke beruhen muss, sondern auf komplexer Zusammenarbeit und Kommunikation
- Die Fähigkeiten und das Sozialverhalten von Guinea-Pavianen werden in zwei Beiträgen des Deutschen Primatenzentrums beleuchtet
- Das weltweit einzige Langzeitprojekt zu dieser Pavianart im Nationalpark Niokolo-Koba im Senegal wird geführt
- Die Forschung im Zoo ergänzt die Feldforschung: Unter kontrollierten Bedingungen können die Forschenden einzelne Einflussfaktoren gezielt verändern und so mehr über Wahrnehmung, Gedächtnis, Lernen, Entscheidungsfindung und Problemlösungsverhalten der Paviane herausfinden
- Die vielfältigen Fähigkeiten ausgewählter Tierarten und -gruppen werden auf einer „Landkarte der Kognition“ dargestellt
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